Konsumentenhaltung in SL

Man wundert sich.
Nicht immer, aber doch immer mal wieder.

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Es gibt eine bestimmte Spezies Spieler, die scheint zu erwarten, dass auch in SL alles so läuft wie in den gewohnten Ein-Mann-Konsolen- und PC-Spielen. Es gibt einen Helden (das ist der Spieler, der vor dem Rechner sitzt, ganz klar ^^), und es gibt ein programmiertes Spiel, das darauf ausgelegt ist, den Helden gewinnen zu lassen und dem einen Spieler vor dem PC den maximalen Spielspaß zu bescheren. Alle Figuren, die in so einem Spiel sonst noch auftauchen, sind NPCs und damit lediglich Beiwerk, deren einziger Daseinszweck es ist, den Helden zu unterstützen und noch mehr zum Strahlen zu bringen.

Es gibt tatsächlich Leute, die erwarten sowohl vom RP als auch von den Kontakten in SL genau das – unreflektiert und scheinbar ohne eine Sekunde nachgedacht zu haben. Denn beim Übertrag der Erwartungshaltung eines 08/15-Compi-Spiels auf SL entstehen krude Situationen. Hier gibt es nicht nur den „einen“ Spieler vor dem PC, sondern es gibt ganz viele, und sie sind alle grundsätzlich gleichberechtigt in ihren Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen bezüglich des RPs in SL. Konsumentenhaltung, Bespaßungsmentalität, jegliche passive „Jetzt unterhaltet mich mal“-Denke sind kontraproduktiv. Viele wünschen sich jederzeit verfügbares RP, das dann stattfindet, wenn sie gerade Zeit haben, das aber stillsteht, wenn sie RL-Verpflichtungen nachgehen müssen, damit sie ja nichts Entscheidendes verpassen. Da wird dann verzweifelt von SIM zu SIM gehüpft und nach den meisten grünen Punkten gesucht, gleichzeitig gejammert, dass man nicht so richtig ins RP reinkommt und von vielen der dortigen Stammspieler ignoriert wird. Andere bringen keinerlei eigene Ideen ein, denken aber, die SIM-Owner sind zuständig für ihren Spielspaß (und reagieren entsprechend beleidigt, wenn sie merken, dass die SIM-Owner dafür eben nicht zuständig sind).

Manchmal kommen Leute auf RP-SIMs und fragen, was man hier machen kann. Nun, jede Menge. Man kann fast überall grundsätzlich alles machen, was dem Setting und den Regeln der SIM nicht zuwiderläuft. Nur – MACHEN muss man es tatsächlich selbst *g*. Das überfordert den einen oder anderen.

 

Unvergessen ist mir eine kleine Begebenheit vom Beginn von VIATA INDURI. Ein junger Mann ploppte am Landepunkt auf und sprach mich an. Er sei auf der Suche, irgendwie könne er nirgendwo mitspielen und fände nirgendwo Anschluss, was man denn hier so machen könnte? Ob ich ihm da mal ein Beispiel geben könnte? Ich sagte ihm, er könne z.B. bei einem BDSM-orientierten RP-Strang in der Gruppe mitspielen oder, wenn er eher die Zweisamkeit schätzt, ein besonderes Erlebnis vor außergewöhnlicher Kulisse mit einer Dame genießen. Hm, meinte er. Die Dame müsse er sich dann aber wohl selbst mitbringen? –„ Ja“, entgegnete ich, „natürlich. Eine RP-Gruppe gibt es, und man kann da auch jemanden kennen lernen, aber wenn Du mit einer Frau sofort loslegen willst, musst Du sie mitbringen“ – und dachte mir, Himmel, im RL kann er auch nicht in eine Kneipe gehen und erwarten, dass dort Frauen bereit stehen, die nur auf ihn gewartet haben und sofort bereit sind, völlig uneigennützig und unentgeldlich mit ihm eine Nummer zu schieben.

„Tja“, meinte er ziemlich eingeschnappt, „dann ist das hier ja doof. Ich dachte, hier gibt es eine Auswahl.“ Sprach’s und ploppte ohne ein weiteres Wort weg. Hossa. *ggg*

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– Klar – die Konsolenspiele, die Filmchen, mit denen man sich berieseln lassen kann, die vorgefertigten Handlungen sind bequemer als SL.

Alle Geschehnisse und Erlebnisse, die es dort zu durchlaufen gilt, sind Teil eines Quests, nicht Teil einer gemeinsam kreierten offenen Lebenswelt. Geschichte und Abenteuer wird geboten und muss nicht selbst erdacht und erspielt werden.

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SL hingegen ist anstrengend, durch die große Offenheit der Geschichten manchmal unbefriedigend, weil ohne Lösung und ohne echtes Ende, es kostet Energie und Gehirnschmalz, und manchmal hat man auch umsonst investiert. Dafür aber ist es kreativ, individuell und wunderbar entgrenzt in seinen Möglichkeiten. Man muss halt den Schritt schaffen vom Konsumieren zur Selbstwirksamkeit.